Kernpunkte auf einen Blick
- Käufer rechnen wieder konservativer. Multiples im Mittelstand haben sich gegenüber 2021 um 1,5–2,5 Turns reduziert, je nach Sektor.
- Prozesse dauern länger. Acht bis zwölf Monate sind die neue Norm — wer auf sechs plant, läuft Käufern hinterher.
- Due Diligence ist härter geworden. Working Capital, ESG, Cyber, Lieferkette — Themen, die früher abgehakt wurden, kosten heute Preis.
- Saubere Vorbereitung schlägt Glück. Wer seine Equity Story, sein Reporting und seinen Datenraum vor dem Prozess in Ordnung bringt, holt zwei bis vier Turns wieder herein.
Der Marktwechsel ist real — und er ist strukturell
2021 war ein Verkäufermarkt. Strategen jagten Targets, Finanzinvestoren saßen auf Trockenpulver in nie dagewesener Höhe, und Bewertungen waren weniger Argument als Bietverfahren. Diese Phase ist vorbei. Wer 2026 verkauft, verkauft in einem Markt, in dem Käufer wieder Disziplin haben — nicht aus Schwäche, sondern aus Rationalität.
Drei Treiber liegen dem zugrunde:
- Zinsumfeld. Auch nach den Zinssenkungen seit Mitte 2024 ist das Refinanzierungsniveau strukturell höher als im Jahrzehnt davor. Leverage-Modelle, die bei 2 % Senior-Debt funktionierten, halten bei 5 % nicht.
- Konjunktur. Die deutsche Industrie wächst nicht, sie sortiert sich. Käufer rechnen mit flacheren Wachstumskurven und verlangen entsprechend härtere Plausibilität.
- Risikoaufschläge. Lieferkette, Energie, Regulierung — die Liste der Themen, für die Käufer Abschläge ansetzen, ist länger geworden.
Was daraus folgt, ist kein Käuferstreik. Es gibt weiterhin Käufer für gute Unternehmen — strategische, Finanzinvestoren, Family Offices. Aber die Hürde, was als „gut” gilt, hat sich verschoben.
Was sich konkret verändert hat
Multiples
EBITDA-Multiples im klassischen Mittelstand bewegen sich aktuell — sehr grob über Branchen hinweg — bei 5–7x für solide Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Premium-Targets mit verteidigbarer Marktposition und sauberer Finanzhistorie erzielen weiterhin 8–10x. Schwächer aufgestellte Unternehmen kommen kaum unter 4x, oft mit signifikantem Earn-out-Anteil.
Das ist nicht dramatisch niedrig — es ist normal. Die Anomalie waren die Multiples 2020–2022, nicht die heutigen.
Prozessdauer
Wer in den letzten Boom-Jahren verkauft hat, kannte Prozesse von vier bis sechs Monaten. Heute sind acht bis zwölf Monate realistisch. Käufer nehmen sich mehr Zeit für Due Diligence, fordern mehr Unterlagen, prüfen tiefer. Wer das in der Zeitplanung nicht berücksichtigt, gerät unter Druck — und Druck im Verkaufsprozess kostet Geld.
Due Diligence
Die Themenliste in der heutigen DD ist breiter geworden:
- Working Capital wird genauer geprüft als je zuvor. Käufer ziehen Abschläge, wenn der gebundene Mittelbedarf nicht sauber dargestellt und normalisiert ist.
- ESG-Themen sind angekommen — auch bei Strategen, nicht nur bei Fonds. Wer keine belastbare Antwort auf Lieferketten- und Energiefragen hat, verliert nicht den Käufer, aber Preis.
- Cyber Security ist seit zwei bis drei Jahren Standard-DD-Topic, auch im Mittelstand.
- IT- und Datenarchitektur werden bewertet — gerade bei strategischen Käufern, die später integrieren müssen.
Käuferverhalten
Strategen sind selektiver, aber wenn sie zuschlagen, dann mit klarer These. Finanzinvestoren rechnen härter, akzeptieren weniger Add-Backs und prüfen Management deutlich kritischer. Der Bietwettbewerb ist nicht verschwunden — er ist konzentrierter geworden auf wenige, gut vorbereitete Targets.
Was Verkäufer jetzt anders machen müssen
1. Equity Story vor Prozess
Wer 2021 mit einer mittelmäßigen Equity Story in den Markt ging, fand trotzdem Bieter. Heute filtert die Story bereits in der ersten Runde. Die Frage, die ein Käufer in den ersten 15 Minuten beantwortet haben will:
Warum ist dieses Unternehmen in fünf Jahren mehr wert als heute — und wie groß ist das Risiko, dass die These nicht trägt?
Wer diese Frage nicht in drei Sätzen beantworten kann, verkauft nicht teuer.
2. Reporting in Transaktionsqualität
Käufer akzeptieren keine handgepflegten Excel-Cockpits mehr. Erwartet werden:
- Monatlicher Abschluss innerhalb von 15 Werktagen
- Rollierender Forecast (12–18 Monate)
- Sauber abgegrenzte Kostenstellen und Margen-Reporting
- Working-Capital-Übersicht über die letzten 24–36 Monate
Wer hier Lücken hat, sollte sie vor dem Prozess schließen — nicht währenddessen. Wir haben das in eigenen Mandaten regelmäßig im Rahmen unserer Finance as a Service bzw. unseres Finanzplanung-&-Controlling-Aufbaus gesehen: Sechs Monate Vorarbeit holen zwei bis vier Turns Multiple wieder herein.
3. Datenraum-Disziplin
Ein guter Datenraum ist nicht der, in dem alles drin ist. Es ist der, in dem das Richtige drin ist — strukturiert, vollständig, konsistent. Käufer-DD-Teams arbeiten heute mit AI-gestützten Tools. Inkonsistenzen zwischen Dokumenten werden gefunden, nicht nur möglicherweise gefunden. Wer den Datenraum schlampig aufsetzt, schreibt Findings.
4. Bewertungserwartung kalibrieren
Eine harte Wahrheit: Wer mit der Multiple-Erwartung von 2021 in den heutigen Markt geht, verliert Zeit. Die ersten 60 Tage entscheiden, ob ein Prozess Momentum aufbaut oder versandet. Eine realistische, gut begründete Bewertungsvorstellung — idealerweise vorher durch eine eigene Unternehmensbewertung abgesichert — schützt vor genau diesem Versanden. Eine erste Größenordnung liefert unser Unternehmenswert-Rechner in drei Minuten.
5. Earn-out aktiv gestalten
Earn-outs werden 2026 häufiger Teil der Struktur sein als noch vor wenigen Jahren. Das ist kein Nachteil — wenn die Mechanik fair und durchsetzbar ist. Drei Klauseln gehören in jeden Earn-out: klare Messgrößen, Schutz vor Management-Eingriffen des Käufers, eindeutige Streitbeilegung. Mehr dazu in unserem Beitrag Earn-out im Mittelstand: messbar, fair, durchsetzbar.
Was bleibt: Vorbereitung schlägt Timing
Es ist verlockend, auf „besseres Marktumfeld” zu warten. Die Erfahrung der letzten drei Jahrzehnte zeigt: Wer auf den perfekten Markt wartet, verkauft selten überhaupt. Wer dagegen sauber vorbereitet ist, verkauft auch in einem ruhigeren Markt zu fairen Bedingungen.
Die Verschiebung ist nicht dramatisch — sie ist diszipliniert. Und Disziplin ist im Mittelstand kein Fremdwort.
Wenn Sie überlegen, in den nächsten 12–36 Monaten zu verkaufen
Drei Themen, die jetzt — und nicht erst sechs Wochen vor Prozessstart — auf den Tisch gehören:
- Bewertung kalibrieren. Was ist das Unternehmen heute wert, in welcher Bandbreite, mit welchen Hebeln? Eine ehrliche Standortbestimmung schützt vor späterer Enttäuschung.
- Reporting auf Transaktionsqualität bringen. Lücken im Reporting sind die häufigste Ursache für Preisabschläge in der DD. Sechs bis zwölf Monate Vorlauf sind nicht zu früh.
- Equity Story schärfen. Was sind die zwei bis drei Wachstumsthesen, die ein Käufer übernehmen kann? Wo sind die Risiken, und wie werden sie adressiert?
Wenn Sie diese Themen vertraulich einordnen lassen möchten, ist das Erstgespräch der richtige Termin — vertraulich, auf Augenhöhe, ohne Verpflichtung.