Kernpunkte auf einen Blick
- Earn-out überbrückt Wertvorstellungslücken — wenn Verkäufer und Käufer das Bewertungsniveau unterschiedlich einschätzen, ohne dass eine Seite irrt.
- Die Mechanik entscheidet, nicht die Höhe. Ein Earn-out über 30 % des Kaufpreises mit klarer Mechanik ist besser als 10 % mit unklarer.
- Drei Klauseln sind nicht verhandelbar: klare Messgröße, Schutz vor Käufereingriffen, Streitbeilegung.
- Typische Dauer: 24–36 Monate. Kürzer wird selten messbar, länger selten durchgesetzt.
Wozu Earn-out überhaupt gut ist
Earn-out ist kein Trick und kein Druckmittel. Er ist ein Mechanismus, der eine konkrete Situation löst: Verkäufer und Käufer kommen beim Kaufpreis nicht zusammen, weil sie unterschiedlich auf die Zukunft schauen. Der Verkäufer ist sicher, dass die Pipeline trägt. Der Käufer will erst sehen, ob sie tatsächlich kommt.
Statt sich auf einen Kompromiss in der Mitte zu einigen — bei dem beide Seiten unzufrieden sind — schiebt der Earn-out einen Teil des Kaufpreises in die Zukunft und macht ihn an objektiv messbare Ergebnisse abhängig. Trifft die Pipeline ein, bekommt der Verkäufer den vollen Preis. Trifft sie nicht ein, hat der Käufer nicht zu viel bezahlt.
Das ist fair — wenn die Mechanik fair ist. Sie ist es oft nicht.
Wo Earn-outs in der Praxis scheitern
Im Mittelstand sehen wir in unseren M&A-Mandaten regelmäßig die gleichen Fehler:
1. Unklare oder manipulierbare Messgrößen
EBITDA ist beliebt, weil es einfach klingt. Es ist gleichzeitig die unsicherste Messgröße in einem Earn-out, weil ein neuer Eigentümer EBITDA auf zehn legale Weisen reduzieren kann — durch zentrale Umlagen, neue Investitionen, geänderte Bilanzierungsentscheidungen.
Bessere Messgrößen sind:
- Umsatz (manipulationsärmer, aber unscharf bei Margin-Veränderungen)
- Deckungsbeitrag oder Rohertrag (genauer, aber definitionsanspruchsvoll)
- Spezifische operative KPIs (Anzahl Kunden, Vertragsverlängerungsquote, Auftragseingang)
Welche Messgröße passt, hängt vom Geschäftsmodell ab. Was nicht passt: eine Messgröße, die im Vertrag steht, aber nicht eindeutig berechenbar ist.
2. Kein Schutz vor Käufereingriffen
Der Käufer wird nach Closing Entscheidungen treffen, die die Messgröße beeinflussen. Investitionen, Personal, Pricing, Standortentscheidungen — alles legitim, alles aber potenziell Earn-out-relevant.
Ohne explizite Schutzklauseln steht der Verkäufer wehrlos da. Standardelemente einer fairen Schutzklausel:
- Konsultationsrecht bei Entscheidungen, die die Messgröße wesentlich beeinflussen
- Definition „ordinary course of business” als Maßstab für unkritische Entscheidungen
- Anpassungsmechanismus für strukturelle Veränderungen (z.B. Carve-outs, Akquisitionen, Investitionen über einer definierten Schwelle)
3. Keine Streitbeilegung
Earn-out-Streit ist berechenbar — er kommt fast immer. Was nicht berechenbar ist: wie lange er dauert und was er kostet, wenn keine Streitbeilegung im Vertrag steht.
Gute Earn-out-Klauseln definieren:
- Schiedsverfahren oder Wirtschaftsprüfer-Schiedsstelle für Berechnungsstreit
- Klare Beweislastregelung (wer muss was darlegen?)
- Frist für Einwendungen nach Berichtsvorlage
Ein einseitiger Earn-out-Bericht des Käufers ohne Einspruchsfrist ist kein Earn-out — er ist eine Hoffnung.
Drei Klauseln, die jeder Earn-out braucht
Wenn wir Verkäufer beraten, prüfen wir jeden Earn-out gegen drei Mindeststandards:
Klausel 1: Eindeutige Messmechanik
Die Berechnung muss so spezifisch sein, dass zwei Wirtschaftsprüfer unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis kommen. Das heißt: nicht nur „EBITDA gemäß HGB”, sondern definierte Behandlung von Abschreibungen, Sonderaufwendungen, intercompany-Verrechnungen, Add-Backs und Bilanzierungsmethoden.
In der Praxis: zwei bis vier Seiten Anhang, in dem die Messgrößen-Berechnung exemplarisch durchgespielt wird — idealerweise für das letzte abgeschlossene Geschäftsjahr.
Klausel 2: Käufer-Schutz für den Verkäufer
Das klingt paradox, ist aber genau der Kern: Der Käufer wird zum Eigentümer, also entscheidet er. Der Earn-out muss den Verkäufer davor schützen, dass diese Entscheidungen den Earn-out aushöhlen.
Mindestelemente:
- Verbot wesentlicher organisatorischer Veränderungen ohne Konsultation
- Verbot der Verlagerung von Umsätzen auf andere Konzerneinheiten
- Verpflichtung zu „good faith” in der Geschäftsführung — und Definition, was das bedeutet
Klausel 3: Streitbeilegung mit Frist
Ohne klare Mechanik dauert ein Earn-out-Streit zwei bis fünf Jahre. Mit klarer Mechanik — sechs bis neun Monate. Der Unterschied ist nicht nur zeitlich, sondern wirtschaftlich: Während des Streits ruht das Geld.
Empfohlene Standardlösung im Mittelstand:
- Berichtsvorlage durch den Käufer innerhalb von 60 Tagen nach Ablauf der Messperiode
- Einspruchsfrist Verkäufer: 30 Tage
- Erstgespräch zwischen den Parteien: 14 Tage
- Anrufung Schiedsstelle (idealerweise ein vorher benannter WP) bei fortbestehendem Dissens
- Bindende Entscheidung der Schiedsstelle innerhalb von 90 Tagen
Wann Earn-out trotzdem nicht passt
Earn-out ist kein Allheilmittel. In drei Konstellationen raten wir aktiv ab:
- Sehr kleiner Verkäuferanteil bleibt. Wenn der Verkäufer das Unternehmen vollständig verlässt und keinen Einfluss mehr hat, ist Earn-out auf operatives Ergebnis schwer fair zu gestalten.
- Geschäftsmodell im Umbruch. Wenn die Messperiode in eine bekannte strukturelle Veränderung fällt (Produktwechsel, Marktverschiebung), wird die Messgröße unscharf.
- Käufer mit fragwürdiger Bonität. Ein Earn-out ist eine ungesicherte Forderung. Wenn der Käufer in drei Jahren möglicherweise nicht zahlen kann, schützt keine Klausel.
Wenn der Käufer Earn-out vorschlägt
Earn-out ist nicht per se gut oder schlecht für den Verkäufer. Es kommt auf die Konstellation an:
- Wenn die eigene Forecast-Sicherheit hoch ist und der Käufer einfach vorsichtig — kann ein Earn-out den Gesamtkaufpreis deutlich erhöhen.
- Wenn die eigene Forecast-Sicherheit niedrig ist — sollte der fixe Anteil hoch sein und der Earn-out moderat.
Wer in einer Verkaufssituation steht und einen Earn-out-Vorschlag bewerten muss, sollte das nicht im Verhandlungsmoment tun. Eine eigene Bewertung der Messgrößen und der Käufer-Bonität gehört in die Vorbereitung — siehe unseren Beitrag M&A im Mittelstand 2026: Käufermarkt mit Disziplin.
Wenn Sie konkret vor einem solchen Vorschlag stehen oder einen Earn-out vorab strukturieren wollen, ist das Erstgespräch der richtige Termin.